Ostdeutschland

Ich bin ein Nachwende-Kind

Dieser Text entstand anlässlich der Veranstaltung „30 Jahre Mauerfall – Zeitzeugen aus unserer Region berichten“ der Stadtbibliothek Oranienburg und wird dort in abgeänderter Form am 09.11.2019 von mir vorgetragen. Anschließend wird er in Kooperation mit Kunstraum-Oranienwerk e.V. abgedruckt.

Manchmal überfällt mich meine Kindheit in der Nachwendezeit ohne Vorwarnung. Vergangenen Sommer erzählte mir eine Bekannte aus dem Saarland auf einer Party, ihrem Papa sei neulich eine Zimmerpflanze im Bad umgekippt. Er holte dann ihre Mama zum Saubermachen.  So sei er halt, ihr Papa. Ich hörte zu, puhlte am Bieretikett. Hausfrauen kannte ich als Kind gar nicht, später nur sehr vereinzelt. Ich bin die Tochter eines Papas mit zwei Berufsleben: Kind eines Heizungsmonteurs, der nach der Wende Volkswirtschaft studieren konnte. Bügeln kann er auch. Meine Eltern heirateten erst eine Weile nach der Geburt meines kleinen Bruders. Dass das nicht „normal“ war, lernte ich erst im Studium – im Kontakt mit Westdeutschland.

„Nach wie vor sind die Unterschiede sozialer Normen und ihrer Realisierung durch Individuen und Familien in vielen Aspekten zwischen Ost und West vielfach größer als zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern“, schreibt die Heinrich-Böll-Stiftung.  Für mich war die DDR bis zum Abitur nur im Geschichtsunterricht relevant.

Mit Studienbeginn ergaben die Momentaufnahmen des „anders-seins“ lange keinen Sinn für mich. Bei der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung teile ich einige Erfahrungen der anderen Stipendiaten/Studenten nicht: Meine Familie war nicht seit Jahrzehnten SZ, FAZ oder Zeit-Leser. Ich fühlte mich anfangs fremd als Praktikantin in überregionalen Medien. 2015 saß ich abends in einer Tübinger WG. Als sich in einer Diskussion rund um PEGIDA die Vorurteile über „den Osten“ häuften, ergaben die Momentaufnahmen ein Bild. Wer in Frankfurt, Hamburg, Straubing groß wurde, weiß vieles über den Osten gar nicht, was ich zuhause gelernt habe. Ich, Maike Hansen, geboren 1993, bin ostdeutsch.

Wenn ich nach Hause fahre, freuen mich die Kiefern. Hier kann ich Berlinern, ohne dass es kommentiert wird. Schopska-Salat ist kein Fremdwort, kein Berg stört den Blick und jeder über 30 kennt Sigmund Jähn. Wie vieles andere ist Jähn, erster Deutscher im Weltraum, den meisten Westdeutschen kein Begriff.

Ich dachte nicht allzu viel darüber nach, bis 2018 es nach dem Tod Daniel H.s in Chemnitz zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Mir war übel bei dem Gedanken, dass viele Chemnitzer ihre Wut gemeinsam mit Rechtsradikalen auf die Straße tragen. Gleichzeitig nervte mich die Arroganz der überregionalen (west)deutschen Medienwelt, die sich vom Kölner, Frankfurter oder Berliner Schreibtisch auf die Stadt stürzte, um die einfachste Schlussfolgerung über 17 Millionen Ostdeutsche zu ziehen. Diese Pauschalisierung liest man nicht nur in der Zeitung: Die Facebook-Seite „KOA – Kriminelle Ossis abschieben“ kokettiert damit, dass Ostdeutsche dem Westen für ihre Aufnahme dankbar sein sollen statt Ausländer zu beleidigen. 29.960 Personen haben das abonniert. 29.519 Personen gefällt das. Sieben davon sind mit mir auf Facebook befreundet.

Wie eine eitrige Wunde bricht die Grenze wieder auf. Zahlen belegen die systematische Benachteiligung Ostdeutschlands bis heute: Noch immer leiten ausschließlich Westdeutsche Universitäten in Deutschland, in der Bundeswehr gibt es kaum hochrangige Beamte aus dem Osten und auf den Konten ostdeutscher Bürger liegen deutlich weniger Rücklagen. Im Jahr 2016 kann ein deutscher Ministerpräsidenten wie Armin Laschet sagen „Ossis hätte man nach der Wende zu Integrationskursen zwingen sollen“ und niemanden auf Bundesebene interessiert’s.  

Dreißig Jahre Einheit bedeuten auch dreißig Jahre, in denen Probleme vernachlässigt wurden. 1993 klagte das Europaparlament Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit der „Intelligenz“ Ostdeutschlands an: Eine ganze Generation wurde aus der Führungsetage herausgedrängt, in Frührente geschickt. Stasi-Kontakte waren ein pauschaler Kündigungsgrund. Westdeutsche übernahmen die Positionen. Es gab nach der Wende keinen Marschallplan für Ostdeutschland. Der Soli machte die Fassaden hübsch, die Wirtschaft blieb außerhalb des Speckgürtels marode.

Es macht mich immer wieder fassungslos, wie sehr der biographische Knick und die existenzielle Krise der 1990er Jahre in Westdeutschland ignoriert oder belächelt werden. Diese gesellschaftlichen Parallelen zu Osteuropa beschreibt auch Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen. Ich finde, diese  Unterschiede müssen stärker erforscht und von Parteien in politische Strategien einbezogen werden. Politik kann Leute nur erreichen, wenn sie sie versteht. Darauf setzen im Osten bisher vor allem die Rechten.

Die Wunde des Grenzstreifens muss heilen. Nur so werden AfD & NPD weniger Kapital daraus schlagen können. Ich werde mich dafür einsetzen, dass das kulturelle Erbe des Ostens seinen Platz in der BRD findet, ohne darüber die Schuld aus den Stasi-Akten zu vergessen. „Ostdeutsch“ darf in diesem Land kein abwertendes Klischee mehr sein. Zum 60. Jubiläum der Einheit wünsche ich mir ein wirklich vereinigtes Deutschland.

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